Energieversorger suchen keine klassischen Berater mehr. Sie brauchen Partner, die Verantwortung übernehmen, Risiken mittragen und digitale Transformation ganzheitlich umsetzen – von SAP bis SCADA. Warum sich Consulting jetzt grundlegend wandelt.
Ein Gespräch mit den Geschäftsführern Oleg Tereshenko und Anton Fishbeyn
Die deutsche Energiewirtschaft befindet sich in einer Phase, in der klassische Antworten nicht mehr ausreichen. Dezentralisierung, Digitalisierung, regulatorischer Druck und steigende Cyberrisiken verändern die Spielregeln grundlegend. Vor diesem Hintergrund stellt sich eine unbequeme Frage: Reicht Beratung noch aus – oder braucht die Branche etwas anderes?
„Viele Energieversorger stehen heute vor einer paradoxen Situation“, sagt Oleg Tereshenko, Geschäftsführer. „Die Systeme werden komplexer, die Margen kleiner und die Erwartungen höher. Gleichzeitig arbeiten viele Organisationen weiterhin mit Projektlogiken, die aus einer zentralisierten Energiewelt stammen.“
Laut Tereshenko liegt das Kernproblem nicht im fehlenden Know-how, sondern im falschen Rollenverständnis externer Unterstützung. „Beratung endet oft dort, wo Verantwortung beginnt. Konzepte werden erstellt, Präsentationen übergeben – doch die operative Realität bleibt unverändert.“
Von Konzepten zu Mitverantwortung
Auch Anton Fishbeyn, Geschäftsführer und Mitgründer, sieht einen strukturellen Wandel im Markt. „Digitale Transformation in der Energiewirtschaft ist kein IT-Projekt. Sie betrifft Marktkommunikation, Netzbetrieb, Abrechnung, SCADA-Systeme und SAP-Landschaften gleichzeitig. Wer hier nur punktuell eingreift, erhöht im Zweifel sogar die Risiken.“
Insbesondere die zunehmende Verzahnung von IT- und OT-Systemen stelle Energieversorger vor neue Herausforderungen. „Wir sehen reale Szenarien, in denen technische Schulden, Sicherheitslücken und organisatorische Silos zu systemischen Risiken werden“, so Fishbeyn. „Hier braucht es Partner, die bereit sind, Verantwortung über den gesamten Lebenszyklus zu übernehmen. Genau in dieser Rolle sehen wir uns: nicht als externe Impulsgeber, sondern als operativer Mitgestalter – mit klarem Fokus auf Stabilität, Sicherheit und messbare Umsetzung. Wir sind bereit, Verantwortung nicht nur auf dem Papier zu übernehmen, sondern auch in der operativen Realität: vom ersten Assessment über Design und Implementierung bis hin zur nachhaltigen Betriebsfähigkeit im Alltag.“
Warum klassische Beratung an Grenzen stößt
Beide Geschäftsführer betonen, dass sich die Anforderungen der Energieversorger deutlich verändert haben. Regulatorische Fristen, Marktrollenwechsel, Redispatch 2.0, dynamische Tarife und dezentrale Erzeugung lassen kaum Raum für lange Konzeptphasen.
„Die Frage ist nicht mehr: Was sollten wir tun?“, erklärt Tereshenko. „Sondern: Wer steht mit uns im Risiko, wenn es operativ ernst wird?“
Genau hier unterscheide sich ein strategischer Partner von einem klassischen Berater. „Ein Partner denkt in Stabilität, Skalierbarkeit und Betriebssicherheit – nicht nur in Projektmeilensteinen“, ergänzt Fishbeyn.
Ein Blick in die Zukunft der Branche
Beide sind sich einig: Die nächste Konsolidierungswelle in der Energiewirtschaft wird nicht allein durch Kapital entschieden, sondern durch digitale Resilienz. Energieversorger, die ihre Systemlandschaften nicht ganzheitlich beherrschen, geraten zunehmend unter Druck.
„Die Gewinner der nächsten Jahre werden diejenigen sein, die Digitalisierung nicht als Kostenfaktor, sondern als strategisches Überlebensinstrument verstehen“, so Tereshenko. „Und die sich bewusst für Partner entscheiden, die Verantwortung nicht scheuen.“
Fazit
Die Energiewirtschaft steht vor einer neuen Realität. In dieser Realität geht es weniger um Beratung im klassischen Sinne – und mehr um Vertrauen, Verantwortung und langfristige Partnerschaft. Wer diesen Wandel erkennt, verschafft sich einen entscheidenden Wettbewerbsvorteil.